Beratung, Forschung & Lehre im Energiemarkt
 
                    

e-Mobilität braucht mehr Forschung - was will und kann der User? Was will und kann der Netzbetreiber? Und wie bringen wir „Können“ und „Wollen“ in Einklang? 

 26.November 2019/ Jörg Heiner Georg/ Linked In

















Quellen: KBA, Lichtblick Ladesäulen-Check 2019, jhc energie, eigene Recherchen

Um es gleich vorweg zu sagen - der sogenannte „Hochlauf“ der Elektromobilität ist zunächst einmal wie die sogenannte „Energiewende“ nichts anderes als eine Zielvorstellung, die aktuell in den Köpfen von vielen Politikern, Energiemanagern und einigen Automanagern gastiert, aber mit der Realität noch wenig zu tun hat. Entscheidend ist halt immer auf dem Platz! Und da liefern die verschiedenen Spieler auf dem Energiefeld nun mal nicht das ab, was von Ihnen gefordert wird, um die Ziel zu erreichen.

In der Energiewende sind es die Akteure rund um die Windenergie, die aktuell einfach nicht abliefern (können). In der Elektromobilität scheint es so, als laufen die verschiedenen Spieler ungeachtet des Zusammenspiels einzelner Gruppen (z.B. e Roaming Verbünde) völlig unkoordiniert durch die Gegend. Nur so ist der Wildwuchs an unterschiedlichen Ladezugängen (u.a. App, SMS, Ladekarte, QR-Code, Telefonanruf), ortsabhängigen, teilweise intransparenten Ladestromtarifen oder das breite Fehlen von last- oder strompreisabhängigen Tarifen zu erklären (siehe auch Lichtblick Ladesäulencheck 2019).

Eine schriftliche Verankerung der Ziele in verschiedenen Konzeptpapieren und die dort zugrundeliegenden Zukunftsprognosen helfen sicher, sich ein Bild von der gewünschten Zukunft zu machen. Entscheidend für die Erreichung der Ziele ist jedoch die Akzeptanz der beim User, der im Fall der Elektromobilität e-Fahrzeuge für unterschiedliche Mobilitätszwecke nutzt. Einfache User-Fragen wie

-         Kann ich an jeder öffentlichen Ladesäule zu jeder Zeit so viel tanken, um meine Fahrziele zu erreichen?

-         Habe ich an der öffentlichen Ladesäule unterschiedliche Tarife (Qualitäten) von unterschiedlichen Anbietern zur Auswahl oder bin ich an den Tarif des örtlichen Betreibers gebunden?

-         Werde ich dafür belohnt, wenn ich dann lade, wenn der Strompreis (Energieteil) gerade niedrig ist?

-         Werde ich eigentlich dafür belohnt, wenn ich mich netzdienlich verhalte? Und vor allem, bin ich überhaupt in der Lage, mich in bestimmten Zeiten netzdienlich zu verhalten?

-         Ist der Zugang zur öffentlichen Ladesäule für mich bequem und vor allem einfach?

-         Kann ich wie beim Diesel oder Benzintanken nach dem Ladevorgang an jeder öffentlichen Tanksäule mit der von mir präferierten Zahlungsmethode (ec-Karte, Kreditkarte, spezielle Tankkarte, App) bezahlen?

stehen dabei im Mittelpunkt und sollten wenn möglich positiv beantwortet werden.

Warum fange ich eigentlich beim User oder Kunden an? Nun ja – weil ich mir sicher bin, dass diese den kritischen Teil eines jeden Geschäftsmodells ausmachen und nur dann wirtschaftliche Geschäftsmodelle rund um die e-Mobilität entstehen können, wenn Zahlungsbereitschaften der Kunden vorhanden sind und Erlöse (z.B. aus Ladestromverkäufen oder Dienstleistungen) rasant wachsen.

Erst dann wird in Ladesäulen, Ladestrommodelle oder Ladedienstleistungen (was immer das in Zukunft auch sein wird!) investiert. Vergessen wir nicht, dass e-Mobilität in Zukunft nicht alternativlos ist und sich gegenüber der ebenfalls optimierten und digitaler werdenden Verbrenner-Mobilität (u.a. Tankstellennavigation, Fahr-Sensorik und vernetzte Kommunikation) und gegenüber intelligenten, öffentlichen Nahverkehrskonzepte gegenüber den Kunden behaupten muss. Die e-Mobilität muss, um es mit Prof. Clayton Christensen von der Harvard University auszudrücken, einfach einen „besseren Job“ machen. Dafür benötigen wir als Grundvoraussetzung eine jederzeit stabile Netzsituation, was bei perspektivisch 1. Mio Ladesäulen in 2030 für den einen oder anderen Netzbetreiber sicher eine Herausforderung sein wird.

Typische Fragen aus Netzbetreibersicht lauten dann auch folgerichtig    

-         An welcher Stelle und wann bzw. unter welchen Bedingungen gibt es überhaupt ein Gefährdungspotenzial in meinem Netz?

-         Welche Anforderungen stelle ich an diejenigen, die mein Netz in Anspruch nehmen oder in Anspruch nehmen lassen (z.B. individuelle Netz-User oder Aggregatoren)?   

-         Sind das generelle Anforderungen, die vertraglich geregelt werden und/oder ad hoc Anforderungen?  

-         Gelten die Anforderungen für alle User oder nur für bestimmte User-Gruppen?

-         Gelten die Anforderungen immer oder nur für bestimmte Zeiteinheiten?

Und zu guter Letzt : Wie bekommt man nun die eher physikalisch dominerte „Netzdenke“ mit einer am Kundennutzen orientierten „Marktdenke“ so in Einklang, dass am Ende alle glücklich sind?

An dieser Stelle benötigen wir eine Instanz, die zwischen Netz und User vermittelt, z.B. in dem Daten der jeweils einen Seite für die Entscheidung der anderen Seite herangezogen werden. Diese Instanz könnte in Form einer „intelligenten“ Ladesäule bestehen, die als integrativer Bestandteil des Netzes relevante Netzdaten (ggfls. auch Marktdaten) sammelt und diese an den User in Form von Signalen (z.B. Preissignale, Knappheitssignale) sendet. Der User wiederum nutzt dann die Signale für seine individuelle Ladeentscheidung, die z.B. darin besteht, dass er sein Auto mit einem von Ihm gewählten, aktuell gültigen Tarif mit der von Ihm gewünschten Qualität (Mix D, 100% Wasserkraft,…) bestehend aus Energie und Netzkomponente automatisiert teil- oder volllädt – je nach dem wie viele Kilometer er noch zurücklegen muss.

Hinsichtlich der konkreten Umsetzung solcher Vorhaben gibt es aktuell einige Forschungsprojekte (z.B. Grid4 Mobility, Stromnetz Hamburg/ Siemens), die auf unterschiedlichen Technologien (Agentenbasiert, Blockchain,…) und Testumgebungen basieren.

Auch ich freue mich, ab dem 01.01.2020 Teil eine Forschungskonsortiums zu sein, das sich mit den angesprochenen Fragen tiefer auseinandersetzen wird.